30 Jahre SRZ Berlin – Ein Entwicklungsprozessbeobachtet von Klaus Neuber Die Vorgeschichte . . .Etwa in der Mitte der goldenen 60er Jahre erschütterte ein erstes dumpfes Beben die bislang heile Welt der Bundesbürger. Von da an veränderten sich die politischen und sozialen Perspektiven. Sie führten schließlich zu den aktuellen Problemen des globalen Wettbewerbs. Heute allseits bekannte Schlüsselwörter wie Kostenanalyse, Lohnneben- oder Lohnstückkosten waren früher nur Bestandteil von Kalkulationswerken. Die Arbeitslosenstatistik erregte noch kein Aufsehen, und das graphische Gewerbe, traditionelle Heimstatt des Handwerks von Schriftsetzern, Druckern und Buchbindern, wandelte sich langsam, aber sicher zum Industrieunternehmen. Die Herausforderung . . .Und das war damals auch die Stunde von Dr.-Ing. Hans-Werner Fock! Als Mitarbeiter in führender Position des Siemenskonzerns ergriff er Anfang der 60er Jahre schnell die Chance, welche die neuen, elektronisch gestützten Verfahren zur Verbreitung von Informationen boten. Immerhin konnte er aus einem reichen Schatz von Erfahrungen schöpfen, den er im In- und Ausland sammelte. Nach seiner Überzeugung sollten die Rechner, Plattenspeicher und Magnetbandstationen nicht geringe Vorteile gegenüber der „bleischweren“ Konkurrenz mit sich bringen. Alsbald wurde, mit geliehenem Kapital und der Unterstützung aus dem Hause Siemens, das SATZ-RECHEN-ZENTRUM Hartmann+Heenemann KG, Berlin gegründet. So begann das elektronische Zeitalter im graphischen Gewerbe in Berlin am 13. November 1969. Indessen hatten einige Setzmaschinen-Hersteller frühzeitig geschaltet und schoben wundersame Waffen zur Verkürzung von Produktionszeiten und Einsparung von überflüssigen Kapazitäten auf den Markt. Mit Blick auf vorher schon vorhandene Verfahren der Lochstreifen- und Lochkartensteuerung entwickelten auch bis dahin biedere Setzmaschinen-Hersteller Leseeinrichtungen für ihre im Akkord von Hand bedienten Maschinen. Da hantierten plötzlich die ehrsamen, hochbezahlten Maschinensetzer (scherzhaft als „Lackstiefelsparte“ bezeichnet) mit endlosen Lochstreifen. Von flinken Sekretärinnenfingern erstellt, trieben sie die Stundenleistung der Bleigießmaschinen in die damals schwindelnde Höhe von 18 000 bis 22 000 Zeichen. Die Maschinen bewegten ihre Exzenter und Elevatoren sowie Transportriemen und beförderten einzelne Matrizen zu der Stelle, wo ein Pumpenkolben sie mit Blei füllte. Danach fiel die gegossene Zeile abgekühlt auf ein Zeilenblech. Die eisernen Dinger, 1886 von dem genialen Ottmar Mergenthaler erfunden, schwitzten Öl- und Bleidunst. Für eine solche schichtlange Belastung waren sie ehemals nicht entwickelt worden, und der Verschleiß konnte entsprechend hoch sein. Klammheimlich und als Konkurrenz zum Bleisatz gedacht, hatte sich auch der neumodische Begriff des Fotosatzes etabliert. Da gab es Anlagen, die mit Hilfe rasend rotierender Trommeln einzelne Buchstaben als Negative verwandten, um diese dann als Zeilen auf einen Film zu belichten. Andere besaßen Schriftscheiben, die wiederum einzelne Zeichen als Negative trugen und mit einem Tastendruck per Hand bedient wurden. Ein Konzept . . .Diese und alle ähnlichen Verfahren konnten jedoch nur Vorstufen zu der sich abzeichnenden Revolution durch die elektronischen Impulse sein, deren nunmehriger Einsatz im SRZ als Pioniertat angesehen wurde. Listigerweise hatte man sich der Mithilfe von Herstellerfirmen versichert. Damit war man in der einzigartigen Situation, noch gar nicht auf dem Markt befindliche Maschinen in der Produktion zur Herstellung von Satz und Offsetfilmen einzusetzen und an deren Entwicklung zur Marktreife mitzuwirken. Die Verwirklichung des Konzepts . . .Der erste Schritt vom Manuskript des Autors zur gedruckten Seite war damals wie heute die sogenannte Datenerfassung. Im SRZ jedoch mussten zahllose Manuskriptseiten vor dem eigentlichen Abschreiben mit Satz- und Steuerbefehlen ausgestattet werden. Erst dadurch konnte der Textfluss durch die anschließende Datenverarbeitung gegliedert werden. Dies war die Aufgabe des Arbeitsvorbereiters. Ein markanter Steuercode aus damaliger Zeit hieß @1 (AffeEins) und ergab durch das Satzprogramm umgewandelt eine Schriftschaltung. – Es wurde bis zur Schmerzgrenze gestanzt oder getippt. Nur setzte man jetzt im SRZ statt Lochstreifen-Perforatoren jene Schreibmaschinen ein, die ein Schriftbild ablieferten (OCR-B), welches eine Erkennungslogik schon mal auf ein Magnetband schreiben konnte. Diese Lesemaschine war gerade erst in den USA entwickelt worden – und flugs befand sich ein Laborexemplar im Hause SRZ. Die Weitsicht von Dr. Fock ermöglichte es, einzelne Komponenten aus der elektronischen Welt zu einer Produktionskette bei der Satzherstellung zu verbinden. Und so blinzelten die Leuchtdioden eines frühen Siemens- Prozessrechners mit denen der Erkennungslogik der ScanData um die Wette. Heute fällt es leicht, ohne Groll über die Erfahrungen mit den Prototypen jener Zeit zu berichten. Mal war es eine winzige gebrochene Stelle an einem Zeichen auf dem Schreibpapier, das von der Erkennungslogik nicht oder falsch aufgenommen wurde. Damit war der Lesefluss unterbrochen, und es musste tausendfach mit viel Mühe ein „Komma“, ein „e“ oder ein sonstiges Zeichen per Hand eingegeben werden. Auch verstand man sehr bald, behende mit flüssigem Tipp-Ex umzugehen. Und mit Pinseln und Pusten wurden immer wieder irrtümlich falsch getippte Zeichen, die einen wichtigen Steuercode darstellten, korrigiert. Befand sich dann endlich eine gewisse Datenmenge auf dem Magnetband, trug man es siegessicher zum Prozessrechner. Hier öffnete sich zischend die Tür der Magnetbandstation, um das endlose Band mit seinem Datenfluss in das Vakuum der Lesestation zu saugen. Danach schwang sich eine hochwichtige Person auf den Drehstuhl des Operators vor dem Blattschreiber, um mit Hilfe dieser Apparatur, die auch als Fernschreiber bekannt ist, in einen Dialog mit seinem Rechner zu treten. Dieser bestand darin, über die mechanische Tastatur einige Reihen von merkwürdigen Parametern einzugeben, die gleichzeitig auf einem Endlospapier protokolliert wurden. Gehorsam antwortete der Computergeselle mit einer Art von Quittung, die er sogar in einer zweiten Farbe auf das Protokollblatt zeichnete. Und so ging es munter voran: Gab der „Meister“ etwas ein, antwortete prompt und klappernd der Geselle. Manchmal schien es eine Art von Wettstreit zu sein: Wer konnte schneller? Gleichzeitig musste das elektronische Gehirn auch stets mit Programmen beschickt werden, mit denen es arbeiten sollte. Für diesen Vorgang stellte man entweder Lochstreifen oder die früher so beliebten Lochkarten zur Verfügung. Beide Systeme wurden von Programmierern erstellt, die die Ergebnisse ihrer Tätigkeit stundenlang mühselig in entsprechende Stanzgeräte zu tippen hatten. Nach derartigen Vorbereitungen ging es dann endlich los: Ratternd setzte sich der Lesekopf des Plattenstapels in Position. Das Brummen in den Rechnerschränken wurde lauter, Relais klickten, und der röhrengesteuerte Prozess kam in Gang. Die Temperatur in den metallenen Gehäusen stieg an, und öfter, zumal im Sommer, konnte man schon einen zusätzlichen Fön oder sonstigen Puster an der Rückseite des geöffneten Gehäuses sehen. Man hoffte, damit einen Hitzestau mit nachfolgendem Rechnerkollaps zu vermeiden. Nach Beendigung des Rechenprozesses wurde zunächst noch einmal der Lochstreifenstanzer bemüht, und danach schritt man mit einer umfangreichen Rolle gestanzten, etwas fettigen Papierbandes unter dem Arm zur Fotoeinheit. Dank des Geschicks von Dr. Fock, mit zögerlichen Kapitalgebern umzugehen, hielt bald nach dieser Zeit ein weiteres elektronisches Schmankerl Einzug in die Räume des SRZ. Und damit war man der Konkurrenz ein weiteres Mal um Längen voraus. Denn groß und ungeheuer imposant präsentierte sich schon 1973 die erste lichtschnelle Filmbelichtungseinheit in den Produktionsräumen. Mittels Kathodenstrahls und mit eigenem Rechner bewegte sich die Zahl der belichteten Zeichen jetzt bereits im Bereich mehrerer Millionen pro Stunde. Damit, und auch durch die Unterstützung eines hochmotivierten Mitarbeiterteams, hatte Dr. Fock etwas erreicht, was im ehrwürdigen Satzund Druckgewerbe noch in den Jahren davor nur ansatzweise diskutiert wurde: – Nämlich, die bisher an die Setzmaschine gekoppelte Datenerfassung abzutrennen. Durch die Entwicklung im SRZ konnte man nun das Abschreiben der Manuskripte in die Heimarbeit vergeben. Damit stand ein unerschöpfliches Reservoir von Schreibkräften zur Verfügung, die z. B. während eines Kinderurlaubs oder aus anderen privaten Gründen mit Freuden von dieser Verdienstmöglichkeit Gebrauch machten (der Begriff „Outsourcing“ war noch nicht geboren). Denn in der Lesemaschine besaß man das Werkzeug, um Berge von beschriebenem Papier zu digitalisieren. Der danach ausgegebene und auf ein Magnetband übertragene Code stand dann zur weiteren Verwendung bereit. – Auch träumte man lange davon, die handwerklichen Tätigkeiten des Setzers in einen rechnergestützten Prozess umzuwandeln. Mit dem von IBM entwickelten ersten Satzprogramm gelang dies zwar nicht auf Anhieb. Die von den Fachleuten neugierig betrachteten gerechneten Texte hielten nicht in allem einer strengen Kritik stand. Jedoch benutzte man es im SRZ, und einzelne Komponenten dieses naturgemäß komplexen Programms wurden verbessert und durch selbst entwickelte Programmteile erweitert. – Endlich war es auch soweit, durch den installierten Belichtungsautomaten (Digiset) immer mehr Texte lichtschnell zu „verfilmen“. Jetzt konnte es richtig losgehen . . .In diesen ersten Jahren, die erfüllt waren von manchen Ach und Wehs, bewirkte Dr. Fock noch eine Steigerung im Serviceangebot des Hauses. Es sollte möglich sein, den vielfachen und unterschiedlichen Forderungen auf dem Feld des Setzens und Druckens mittels einer eigenen Software-Entwicklung gerecht zu werden. Nur dann, das wusste er, war man auf dem rechten Weg zu einem Dienstleister, der alle Wünsche der mannigfaltig orientierten Verlage und Druckereien durch marktgerechte Angebote erfüllen konnte. Und so hielt er, auch in seiner Eigenschaft als Dozent an Fachhochschulen, Ausschau nach interessierten Leuten, um sich die Besten der Besten in sein Haus zu rufen. Ein buntes, munteres Völkchen hochintelligenter und motivierter Informatiker füllte alsbald die Reihen der Mitstreiter, die auf dem Weg waren in eine neue, aufregende Welt der Dienstleistungen auf dem Drucksektor. Noch aber befand sich das SRZ im Wettbewerb mit konventionellen Setzereien. Doch allmählich wurde in Fachkreisen bekannt, dass in Berlin neue Perspektiven eröffnet wurden. Vor allem beeindruckte die Möglichkeit, bestimmte Texte, z. B. für die Registerherstellung, während der Datenerfassung in Kategorien abzulegen, um sie hernach in beliebiger Reihenfolge gestalten und drucken zu können. Durch Vorträge und Präsenz auf Fachmessen wurde auf die elektronische Hilfestellung aufmerksam gemacht. Außerdem weckte Dr. Fock durch Kompetenz und Überzeugungskraft ein lebhaftes Interesse an dieser zukunftsweisenden Gestaltung und Verarbeitung von Daten, die bis dahin ein eher lustloses und phantasiearmes Dasein fristeten. So waren es zunächst Herausgeber von Steuertabellen, die die Vorteile hoher Rechnerleistung erkannten. Aber bald wurden auch Bibliotheken sowie Herausgeber von Nachschlagewerken auf die Möglichkeiten aufmerksam, die eine rechnergestützte Verarbeitung bot. Die ersteren schätzten den Vorteil, „auf Zuruf“ aus dem hohen Haus des Finanzministeriums jeweils veränderte Steuersätze neu berechnen und belichten zu lassen. Die anderen waren es leid, ständig Karteikärtchen nach alter Methode von Hand sortieren zu müssen. Im SRZ krempelte man die Ärmel hoch und schritt mutig zur Tat. Nun waren zuerst die Programmierer gefordert. In zahlreichen Gesprächen mit den Auftraggebern, Herstellern in Verlagen sowie wissenschaftlichen Mitarbeitern von Instituten stellte man zunächst einmal fest, dass beide Seiten unterschiedliche Vorstellungen hatten und verschiedene Sprachen benutzten. Redeten die einen von Algorithmen, Sortierparametern und Datenblockung, verstanden die anderen nur „Bahnhof“ und verwiesen – vom Unbekannten gestresst – auf die bisher bewährten Methoden. Grundsätzlich war es das Ansinnen an das SRZ, dass jegliche Arbeit lichtschnell, vollautomatisch und dazu spottbillig zu sein habe. Deshalb war zunächst Aufklärung vonnöten, um auf die vielfältigen Möglichkeiten und vor allen Dingen auf die Mehrfachnutzung der einmal eingegebenen Daten aufmerksam zu machen. Damit aber wurden plötzlich Bedürfnisse geweckt, die mit den damals benutzten Programmiersprachen (ALGOL, später PL1) nicht immer leicht zu stillen waren. Eine echte Herausforderung stellten zunächst Nachschlagewerke dar, die jahrzehntelang in alter Manier auf den Markt kamen und nun in moderne sortierfähige Strukturen überführt werden sollten, ohne jedoch ihr äußeres Erscheinungsbild zu verlieren. Geradezu gönnerhaft lieferten die Verlage mit der Auftragserteilung massenhaft Datenmaterial, welches auf kilometerlangen Lochstreifen oder in kistenweise gelagerten, staubigen Lochkarten gespeichert war. Pfiffigerweise suchte man damit die Kosten der Datenerfassung zu sparen, und das SRZ wagte dem König Kunde gegenüber nur zaghafte Einwände. Es entstanden erhebliche Probleme durch die nur magere und unzureichende Struktur dieser alten Daten, die sich nunmehr in eine neue Hierarchie einfügen sollten. Also suchte mancher der ehrgeizigen jungen Programmierer die Logik mächtiger Sortierparameter durch eigene Eingaben an die „grausame Wirklichkeit“ der gelieferten Daten anzupassen. Es wurde programmiert, Tag und Nacht. Meistens nachts, da Testzeiten nur außerhalb der täglichen Produktion vergeben werden konnten. Oder man schrieb am Tage endlose Zeilen in der jeweiligen Programmiersprache, die nachts persönlich in Lochstreifen gestanzt wurden. Bei dem anstehenden ersten Testlauf eines Programms im Rechner erblasste manchmal nicht nur die Nasenspitze. Längeres Verweilen im Hause war dann nötig, weil der Kunde einer Terminverlängerung meist Unverständnis entgegenbrachte. Da konnte man schon mal morgens einem Menschen begegnen, der nach mehr als 24 Stunden Denkarbeit das Weite suchte und dabei die vermeintlich frische Zigarette im Munde hatte. Nur ließ sie sich nicht anzünden, weil es ja der Bleistift war, den er eben noch suchte. Doch Widerstände spornen an, und so wurden Erfolge immer schneller erzielt. Obwohl man die damalige moderne Technik und die zugehörige Software aus heutiger Sicht als Steinzeit-Inventarien begreift, wurden damit im Hause SRZ neue und große Aufgaben gelöst. Meist allerdings erst einmal auf Umwegen. Natürlich gelang es auch nicht beim ersten Anlauf, ein vorgegebenes Seitenlayout mit der richtigen Anzahl Zeilen zu füllen und noch dazu nach typographischen Regeln zu gestalten. Ein simples Kinderbuch etwa mit dem Titel „Zwerg Schnüffelchen“ erwies sich gleich als ein Problem. Galt es doch, 40 Zeilen in Folge mit einer Leerzeile und Seitenziffer zu umbrechen! Was für eine Begeisterung, als es gelang! In diesen ersten Jahren konnten belichtete Texte nur als sogenannte „Filmfahnen“ hergestellt werden, um dann am Leuchttisch nach vorgegebenem Layout zu Seiten montiert zu werden. Nachträgliche Autorkorrekturen mussten ebenfalls von Filmmontierern eingearbeitet werden. Da war ein geschultes Auge nebst sicherer Hand gefordert. Sollten doch zwischen minimalen Zeilenabständen Filmschnitte angebracht oder sogar einzelne Buchstaben durch Schnitt ausgewechselt werden. Da wurde geschnitten, geklebt, gestrippt und Sonderzeichen einmontiert, was das Zeug hielt. Erst mit dem Fortschreiten der Leistungsfähigkeit von Rechner und Satzprogramm hielt der komplette Seitenumbruch Einzug in das Metier. Heute ist auch dieser Gewerbezweig praktisch „wegrationalisiert“, da, abgesehen von wenigen Aufträgen, moderne Druckverfahren bereits fertig aufbereitete Seiten als PostScript, per Datenträger oder über Datenleitung übernehmen. So musste auch die Verarbeitung eines bedeutenden Musiknachschlagewerks zunächst mit der Bewegung von Dutzenden von Magnetbändern eingeleitet werden. Aus einer sogenannten Stammdatei herausgezogen, wurden viele Einzelkategorien zu der gewünschten Information über ein Musikwerk, die Mitglieder eines Orchesters oder über Interpreten von Opern und Operetten zusammengepuzzelt. Was mit der heute vorhandenen Rechnerleistung rasch und problemlos verarbeitet werden kann, sollte damals nur mit vielen Zwischenschritten von Magnetband zu Magnetband zum Erfolg führen. Wehe, es wurde eine Eingabe verwechselt, eine Lochkarte nicht in der richtigen Reihenfolge eingelesen! Als Rache auf diese „Schlamperei“ konnten sich z. B. Namen bekannter Wagner-Interpreten plötzlich in Werken von Donizetti wiederfinden, oder unter einigen historischen Plattenobertiteln tauchten völlig unbekannte Teilwerke auf. Früher als Katastrophe eingestuft, wandelt sich diese in der Erinnerung in Betroffenheit, gemischt mit einer gewissen Heiterkeit. Zumal ein solches Versehen einmal nicht erkannt wurde und das Resultat fein säuberlich gedruckt und gebunden auf den Markt kam. Erst empörte Anrufe bzw. süffisante Protestschreiben der Benutzer an die Redaktion wiesen das Nachschlagewerk dann als Fehldruck aus. All diese Erschütterungen, die dem SRZ widerfuhren, führten jedoch auch hin zu wertvollen Erfahrungen, zu Selbstbewusstsein und zu einem Bekanntheitsgrad, der im graphischen Gewerbe immer mehr anwuchs. So wurden ständig neue geschäftliche Kontakte geknüpft, vermehrt auch auf internationalen Märkten. Bald kam es zu Anfragen und Aufträgen, die vorher sonst nur in den größten Druckhäusern und mit erheblichem Personalaufwand zu realisieren waren. Das moderne Business . . .Neben der Entwicklung zu einem marktgerechten Dienstleister blieb auch die stetige Erweiterung und Modernisierung der Hardware ein wichtiges Anliegen des SRZ. Bekanntermaßen vergrößerte sich die Leistung der Rechner überproportional zur Reduzierung ihrer Gehäuse. Zum Fortschritt verurteilt, flossen deshalb ab Mitte der 80er Jahre mannigfache Investitionen in immer leistungsfähigere Anlagen. Damit vergrößerte sich das Leistungsspektrum in beachtlicher Weise. War man in der Gründerzeit auf Fotosatz nebst Programmierung spezialisiert, spannte sich der Bogen der Angebotspalette über Satz und Datenpflege bald bis hin zum Aufbau von Datenbanken, die später auch den Zugriff von Kunden über externe Terminals ermöglichten. Produkte aus jener Zeit, die sich auch heute als hochmodern und aktuell erweisen, sind z. B. die „Rote Liste“ sowie der „Bielefelder Katalog“, beides bekannte Nachschlagewerke. Hochinteressant für Verlage ist der Satz und die Datenpflege von Loseblattwerken. Hier konnte das SRZ schon frühzeitig in Satzherstellung und Archivierung Erfahrungen sammeln, die heute sogar durch den Einsatz von Xerox- DocuTech-Druckmaschinen im eigenen Haus eine rasche und preisgünstige Aktualisierung zulassen. Eine weitere Spezialität des Hauses war recht früh – und ist auch heute noch – die Aufnahme geographischer Koordinaten. Mit deren Anwendung und Pflege sowie durch den Einsatz des CAD-Systems von Siemens sind Kundenwünsche z. B. der Deutschen Post AG und der Telekom AG in Form von Übersichtskarten erfolgreich erfüllt worden. Selbstverständlich beobachtete man auch Anbieter wie Microsoft, Unix und Apple und führte deren Produkte ein. Dieses wiederum erforderte im Hause SRZ die Installation von mehreren Netzservern und Erfahrungen im Umgang mit unterschiedlicher Hard- sowie Software. Auch hier war die Lust am Experimentieren ungebrochen. Typisch für das SRZ: Bald konnte man jeden Wunsch der Kunden nach Übernahme und Bearbeitung jeglicher Datenformate erfüllen. Die neue Welt des Internet und der schnelle Zugriff auf Informationen mittels des Mediums CD-ROM brachten das SRZ keineswegs in Verlegenheit. Die Geschäftsleitung des Hauses verstand es, flexibel auf die Bedürfnisse des Marktes zu reagieren. So produziert man z. B. seit 1994 eine Jahres-CD für den „Spiegel“, deren Besonderheit in der komplexen Recherche innerhalb Inhaltsverzeichnis, Text und Register besteht. Weitere Referenzen mag man auch in der Herstellung so unterschiedlicher Produkte wie die Jahres-CD der Zeitschrift „Stiftung Warentest“ oder einer CD für die Firma Siemens+Matsushita Components sehen, die ca. 5000 Seiten eines Produktkatalogs enthält. Für den Einsatz in der Internet-Technik hält man Werkzeuge des „Acrobat Reader“ bereit, ebenso die Aufbereitung von Texten für Datenbanken mittels HTML und XML. Ebenso selbstverständlich bietet sich das SRZ als Provider an und hält sich für die Unterstützung seiner Kunden bei deren Darstellung im Internet bereit. Die Archive von Patentämtern, Bibliotheken, Krankenhäusern, Instituten usw. boten weitere Herausforderungen, die natürlich freudig angenommen wurden. Nach der Einrichtung einer Scanner-Abteilung konnte man diesen Häusern erfolgreich den Service einer digitalen Datensicherung anbieten. Durch den Einsatz eigener Software ist es möglich geworden, während der Aufnahme durch OCR-Leser Markierungen und Links zu setzen, die eine spätere Anwender-Recherche in dem digitalisierten Material zulassen. Menschen im System . . .Diese Fülle von Aufgaben und Anwendungen fordern noch immer in besonderem Maße die ca. 110 Mitarbeiter des SRZ. Nicht nur Arbeitsvorbereiter und Sachbearbeiter stöhnen über ständige Veränderungen in den Parametern zur Fertigungssteuerung. „Learning by doing“ lautete die Parole damals wie heute noch. Denn mit jeder Rechnergeneration kommen neue Anwenderprogramme und Abläufe ins Haus, die auf laufende Aufträge übertragen werden müssen. Besonders in der Systemgruppe, die auch heute für Innovation und Funktion verantwortlich ist, kann man Einsatzbereitschaft bis zum oberen Level beobachten. Dafür mag das Beispiel eines Geplagten gelten, der eines Winters ohne wärmenden Mantel auskommen musste. Weil sich sein Gedächtnis ausschließlich mit mathematischen Problemen beschäftigte, verdrängte es den Ort der Ablage. Schließlich fand sich das gute Stück in einem sonst selten geöffneten Schrank. Direkt hinter dem Schreibtisch des Betroffenen. Schon in der Mitte der 70er Jahre wurde mit einem neuen Prozessrechner auch das Betriebssystem BS2000 von Siemens im SRZ eingeführt. Mit ihm bot sich auch die Möglichkeit, über interne oder externe Bildschirme Daten einzugeben oder mittels Parameter Prozesse von beliebigen Arbeitsplätzen aus zu steuern. Zu dieser Zeit entstand die EDORAbteilung. Mittels eines Programms (EDOR) war man nun in der Lage, durch direkten Zugriff auf Daten diese zu editieren und beliebig zu korrigieren. Erstaunlich ist immer zu beobachten, mit welchem Fleiß und rascher Auffassungsgabe die EDOR-Damen am Bildschirm schwierigste Erfassungsoder Korrekturaufgaben erledigen. Müssen sie doch die Rohdaten gedanklich schon in das spätere Druckbild umsetzen können. Auch die Satzherstellung selbst unterliegt einem ständigen Prozess der Wandlung und Anpassung. Die Fachkräfte, alles ausgebildete Schriftsetzer, bleiben niemals lange auf Routine sitzen. Denn über das frühe Programm Diasys zieht sich die Entwicklung über Diacos, Frame, diverse PC-Programme (selbstverständlich wird im SRZ IBM- wie Mac-kompatibel gearbeitet) bis hin zum komfortablen 3b2. Da menschliches Schaffen nicht ohne Kontrolle auskommt, wird im SRZ stets großer Wert auf sorgfältiges Korrekturlesen gelegt. Und so bildete sich im Laufe der Zeit ein Korrektorenpool, der mit dem Fluch immer wieder neuer Rechnerbefehle oder Satzanweisungen konfrontiert ist. Besonders ein Team zeichnet sich dabei aus und ist maßgeblich am hohen Qualitätsstandard des SRZ beteiligt. Mit Wiener Charme ausgestattet und stets guter Laune, sind von ihm z. B. auch diese Zeilen redigiert worden. Gar nicht nebenbei wird auch in der sogenannten Kopierabteilung gearbeitet. Mit Fleiß und Ordnungssinn werden hier die Korrekturabzüge der belichteten Seiten hergestellt. Deren Anzahl sollte sich im Laufe der Jahre leicht zu vielen Millionen addieren lassen. Eine weitere „schwerwiegende“ Tätigkeit ist auch die des Kraftfahrers. Von Anfang an dabei, transportierte er nicht nur ebenfalls Abermillionen Daten auf Magnetbändern von Haus zu Haus. Die zugehörigen Erfassungsgeräte mussten dem Heimarbeiterpool zur Verfügung stehen und regelmäßig aus Servicegründen gewechselt werden. Der Fülle von Datenerfassungs-Aufträgen angepasst, waren es in den Gründerjahren leicht 60 bis 80 über ganz Berlin verteilte Heimarbeitsplätze, die mit Manuskripten oder Schreibmaschinenpapier zu versorgen waren. Damals sollten noch schwergewichtige Schreibmaschinen transportiert werden, die sich erst im Laufe der Jahre über Kassettenschreibgeräte zu den heute verwendeten PCs wandelten. Gar nicht selten sind Mitarbeiter seit mehr als 25 Jahren dabei. Aus Überzeugung, mit Freude und mit einer erfrischenden Portion Idealismus sind sie dem SRZ treu geblieben, ohne ihren Status als „Jubilar“ zu beanspruchen. Trotzdem blieb das Durchschnittsalter der Belegschaft stets erstaunlich niedrig. Der Begriff „Teamarbeit“ war und ist im SRZ kein leeres Wort geblieben. Die Erfahrung bewährter Mitarbeiter korrespondiert da leicht mit der Begeisterung der Jüngeren. Mit großer Selbstverständlichkeit werden neue Aufgaben übernommen und bisher nicht gefundene Lösungen erarbeitet. Bezeichnend und hilfreich an diesem Problembewältigungs-Prozeß ist der stets begleitende Dialog zwischen Geschäftsleitung und Belegschaft. Interessiert und aufmerksam wird auch der Wissensstand der Mitarbeiter registriert. Mit der Unterstützung eines europäischen Modells zur Schulung von Arbeitnehmern wird im Hause SRZ vom Betriebsrat der Besuch von Fortbildungsmaßnahmen angeboten. Nicht zuletzt durch den Elan und das ungebrochene Engagement der Mitarbeiter ist aus dem SRZ Berlin das geworden, als was es sich heute anbietet: als ein ungewöhnliches und vielseitiges Unternehmen, welches in kein bekanntes Firmenschema zu pressen ist. Und das Resultat?Aus all den finanziellen und geistigen Investitionen, aus Rückschlägen, Erfahrungen, aus Teamarbeit und „Einzelkämpfertum“ ist eine Präsentation entstanden aus: – Satz nebst Datenpflege – Recherche in Datenbanken – Digitaldruck – Provider-Dienst und Internet- Darstellung – CD-ROM-Publikationen – Dokumentenaufnahme und -verwaltung durch Digitalisierung – Softwareentwicklung, die als Beweis dienen soll für die Verwirklichung unserer Anstrengungen. Die Weichen sind gestellt. Geschäftsleitung und Mitarbeiter sind überzeugt, auf der richtigen Schiene in das nächste Jahrtausend zu gleiten. |